la pièce de résistance

Expedition ohne Rückkehr

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich der Einzige bin, der sich manchmal wünscht, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre früher geboren worden zu sein. Nicht nur, dass "damals" natürlich alles besser war (Spritpreise, Politik, Spritpreise, Familienverhältnisse, Ausländer, Spritpreise, Ausländer, und damals gabs noch nicht so viele Gastarbeiter und so weiter), nein, das Hauptkriterium wäre für mich die Musik.

Wenn man einen Streifzug durch die deutschen Singlecharts macht, stößt man auf wahrhaft schauerliche Begebenheiten. Im Selbstexperiment habe ich mich in die Untiefen des heutigen Plastikpop mit Sexüberzug begeben, um dem geneigten Leser ein kleines Resumee bieten zu können.

Auf Platz 30 findet man (immer noch) "Pokerface" von Lady Gaga. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die ein bißchen Gestotter (''P-p-p-pokerface, p-p-pokerface''), unterlegt mit madonnaesk-austauschbaren Discobeats toll finden, aber das wochen- und monatelang? Schwer vorzustellen.

Platz 27 halten Bon Jovi mit der von mir bereits zerissenen unaustehlichen Durchhaltehymne "We Weren't Born To Follow", deren Titel nur allzu dreist von den Byrds gestohlen wurde und deren Video Obama mit Al Gore, John Kennedy, Aufständen im Iran und dem Fall der Mauer bunt zusammenmischt.

Frauenarzt und Manny Mann behaupten wenigstens nicht, irgendeinen Anspruch zu haben; und obwohl ich persönlich nicht behaupten kann, dass mich "Das Geht Ab" in Partylaune versetzt, stört mich Platz 26 nicht.

Jürgen Drews lebt noch? Offensichtlich, denn anscheinend hält er Platz 24 mit irgendeinem Lied, das höchstwahrscheinlich einen 90er-Jahre-Beat bietet und mit einem stupiden Refrain zum Mitgröhlen auf Malle einlädt.

Peinlich finde ich persönlich, dass mir der Name "Queensberry" etwas sagt. Ich bin mir doch relativ sicher, dass das eine "Band", die bei irgendeinem privaten Sender zusammengecastet wurde, ist. Sie soll hier symptomatisch für all den ähnlichen belanglosen Dreck stehen, der mir in den Charts wahrscheinlich noch begegnen wird. Platz 22, übrigens.

Selten habe ich einen polierteren, leereren, so übertrieben offensichtlich für SWR3 geschriebenen Song gehört wie Marit Larsens inhaltsloses "If A Song Could Get Me You". Es ist mir absolut unverständlich, wer für solche Muzak auch noch Geld ausgibt (wobei selbst illegales Downloaden eine noch zu große Ehre für diesen Erguss darstellen würde).

In die selbe Kategorie fallen auch Silbermond, die seit Jahren versuchen, ein und denselben pseudogefühlvollen Song neu zu schreiben und es erstaunlicherweise schaffen, ihn auch noch zu verkaufen, ungeachtet der Tatsache, dass die Songwriterfähigkeiten dieser leicht emohaften Frontfrau irgendwo zwischen Gymnasiastenlyrik und den ersten Reimversuchen eines Sechstklässlers anzusiedeln sind. Ernsthaft, ich habe das Gefühl, dort werden Reime gesucht, die dann anschließend mit Textfragmenten umgeben werden. Platz 16 für "Krieger Des Lichts" (wohl zuviel WoW gespielt, was?).

Platz 14 und 15 ist leicht zu verwechseln. Nicht nur, dass die Singlecover von Beyonce Knowles und Leona Lewis praktisch gleich sind (schwarzweiße Fotografie vor weißem Hintergrund, attraktive Frau in Kleid), nein, auch die Songs sind austauschbar. Lewis, von der ich seit Beginn ihrer Karriere noch keinen einzigen auch nur ansatzweise positiven oder wenigstens nicht-balladesken seichten RnB-Song gehört habe, hat interessanterweise den Song, mit dem Beyonce nun einen Platz vor ihr thront, nicht aufnehmen können oder wollen, obwohl er für sie geschrieben wurde - und so klingt er auch. Süßliches Klaviergeklimper, jaulende Stimme, Herzschmerz und Verwundbarkeit, alles in einem Ausmaß, das höchstens Vierzehnjährige mit akutem Liebeskummer berühren könnte. 

Platz 12 ist symptomatisch. Und zwar für so einiges, hauptsächlich aber die weitgehende Primitivisierung der Musik, deren akuter Auswachs aktuell die Beliebtheit von House ist. Ja, im Club kann ich mir simple Tanzmusik anhören, die größtenteils aus einem Beat und zwei Melodieteilen besteht, die wiederum jeweils aus höchstens vier Tönen bestehen. Aber muss ich mir das zum "Musikgenuss" (das Wort ist offensichtlich eine Erfindung der MP3-Playerhersteller) anhören, geschweige denn kaufen? Nein, muss ich nicht.

Auf Platz 11 letztlich ein Song, der mir sogar gefällt. Auch wenn ich Alicia Keys höchstens mittelmäßig finde und ihr Stil normalerweise auch nicht meinen Musikgeschmack tangiert, ist sie sozusagen als Live-Sample für einen Jay-Z-Song durchaus zu gebrauchen. Gut produziert, ordentlich gerappt: "Empire State Of Mind".

An dieser Stelle traue ich mich kaum, auf die Top 10 zu klicken. Wer weiß, welche unausprechlichen Abscheulichkeiten dort lauern, um meine Seele zu fressen und mich zu einem sabbernden Bohlenanhänger machen wollen? Die mich verführen, RTL II zu schauen, "Das Super Talent (sic)" als meine Lieblingsshow zu bezeichnen, meine Bücher auf den Sondermüll zu schmeißen, mir CDs von Mark Medlock anzuhören, meinen täglichen Flüßigkeitsbedarf mit Cola Light respektive Oettinger Export zu decken? Ich nehme das Risiko dennoch auf mich...

Soweit ich weiß, ist Aura Dione eine auf den Zug der rotzig-frechen Pseudosongwriterinnen a (ich kriege einfach nicht heraus, wie ich den accent grave mache) la Lily Allen aufgesprungen; das schätze ich zumindest aus den geschätzten 30 Sekunden, die ich mal von "I Will Love You Monday" gehört habe. Aber was weiß ich, ich erlaube mir noch kein Urteil. Ist aber bestimmt Dreck.

Auf Platz 9 findet sich meine persönliche Nemesis. Die ist weder Sauron noch Voldemort, bedient sich aber eines ähnlich exotischen Namens: Xavier Naidoo. Ich habe "Alles Kann Besser Werden" noch nicht gehört, bin mir aber sicher, dass es fürchterlich depressiv, anklagend, jammernd und pessimistisch ist, trotz des Titels, wahrscheinlich wiederum unterlegt mich Kaufhauskeyboardsamples und -strings. 

Auf Platz 7 findet sich "One Republic". Es wäre schon eine bösartige Unterstellung, zu behaupten, dass sich "Apologize" für "Keinohrhasen" genauso anhört wie "Secrets" für "Zweiohrküken" - aber ich wage es trotzdem, denn das tut es nämlich. Gefälschte Melancholie, timbalandeske Beats, jaulendes Gejammer, das kann einem schon mal bekannt vorkommen.

Jaja, Robbie Williams ist wieder da. War mal ganz gut, jetzt egal. Macht Werbung für Pro7. Platz 5, "Bodies". 

Rihannas "Russian Roulette" kenne ich noch nicht, muss ich aber auch nicht. Ihre Videos sind nach allgemeinem Konsens nur erträglich wenn tonlos, machen Softpornos ernsthafe Konkurrenz - was wohl stört, ist die unerträgliche Stimme.

Wie es Culcha Candela geschafft haben, auf Platz 3 zu landen, ist meines Erachtens schnell erklärt. Mit ihrem einzigen Hit "Hamma" im Hinterkopf bastelt man eben schnell einen Song mit ähnlichem Rhythmus und gleichem Text, versieht den Titel remineszent wieder mit einem "A" am Ende und zack, siehe da, die hirnlosen Teenagerzombiemassen strömen in den Media-Markt und bezahlen 5 Euro für zwei Songs. Glückwunsch zu so viel Marktverstand.

Die zunehmend poppiger werdenden Black Eyed Peas rangieren auf 2. Ich bin mir des weiteren nicht ganz sicher, ob die beiden, die nicht Will.I.Am und Fergie sind, noch musikalisch mitwirken, oder nur der Vollständigkeit halber in den Videos eine Nebenrolle einnehmen. "Meet Me Halfway", Prädikat: Vollkommen egal.

Ohoho, Platz 1. Ja. Der Auswuchs des deutschen Musikgeschmacks. Die Ehrung für echte, große Künstler, für bewegende Songs, tiefe Texte, instrumentelles Können.

Und jetzt, nach diesem einabsätzigen Ausflug ins Paralleluniversum, wo alles besser ist: Platz 1. Die Ehrung für die beste PR-Strategie, die beste Kunst, möglichst viele Leute gleichzeitig anzusprechen, nicht aufzufallen, nicht aufzuwiegeln, nicht zum Nachdenken zu bringen, bloß beim Schema F, also Tonika-Subdominante-Dominante-Mollparallele bleiben, keine exotischen Instrumente, keine unbequemen Lyrics. Möglichst gleichbleibender, redundanter, ewigwiederholender Sound, um Konstanz zu erlangen, denn was einmal klappt, tut es auch wieder.

Die Meister dieser Kunst: Ich+Ich. Als ich das erste mal "Pflaster" gehört habe, habe ich, ich versichere es hoch und heilig, gedacht, dass es "Vom Selben Stern" mit einem anderen Refrain ist. Erst bei der zweiten zufälligen Konfrontation sind mir kleine und bestimmt nicht feine Unterschiede aufgefallen. Aber mal im Ernst, das einzige Wort, das mir dazu noch einfällt, ist "dreist". 

3 Kommentare 7.12.09 16:32, kommentieren

Expedition ohne Rückkehr

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich der Einzige bin, der sich manchmal wünscht, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre früher geboren worden zu sein. Nicht nur, dass "damals" natürlich alles besser war (Spritpreise, Politik, Spritpreise Familienverhältnisse, Ausländer, Spritpreise, Ausländer, und damals gabs noch nicht so viele Gastarbeiter und so weiter), nein, das Hauptkriterium wäre für mich die Musik.

Wenn man einen Streifzug durch die deutschen Singlecharts macht, stößt man auf wahrhaft schauerliche Begebenheiten. Im Selbstexperiment habe ich mich in die Untiefen des heutigen Plastikpop mit Sexüberzug begeben, um dem geneigten Leser ein kleines Resumee bieten zu können.

Auf Platz 30 findet man (immer noch) "Pokerface" von Lady Gaga. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die ein bißchen Gestotter (''P-p-p-pokerface, p-p-pokerface''), unterlegt mit madonnaesk-austauschbaren Discobeats toll finden, aber das wochen- und monatelang? Schwer vorzustellen.

Platz 27 halten Bon Jovi mit der von mir bereits zerissenen unaustehlichen Durchhaltehymne "We Weren't Born To Follow", deren Titel nur allzu dreist von den Byrds gestohlen wurde und deren Video Obama mit Al Gore, John Kennedy, Aufständen im Iran und dem Fall der Mauer bunt zusammenmischt.

Frauenarzt und Manny Mann behaupten wenigstens nicht, irgendeinen Anspruch zu haben; und obwohl ich persönlich nicht behaupten kann, dass mich "Das Geht Ab" in Partylaune versetzt, stört mich Platz 26 nicht.

Jürgen Drews lebt noch? Offensichtlich, denn anscheinend hält er Platz 24 mit irgendeinem Lied, das höchstwahrscheinlich einen 90er-Jahre-Beat bietet und mit einem stupiden Refrain zum Mitgröhlen auf Malle einlädt.

Peinlich finde ich persönlich, dass mir der Name "Queensberry" etwas sagt. Ich bin mir doch relativ sicher, dass das eine "Band", die bei irgendeinem privaten Sender zusammengecastet wurde, ist. Sie soll hier symptomatisch für all den ähnlichen belanglosen Dreck stehen, der mir in den Charts wahrscheinlich noch begegnen wird. Platz 22, übrigens.

Selten habe ich einen polierteren, leereren, so übertrieben offensichtlich für SWR3 geschriebenen Song gehört wie Marit Larsens inhaltsloses "If A Song Could Get Me You". Es ist mir absolut unverständlich, wer für solche Muzak auch noch Geld ausgibt (wobei selbst illegales Downloaden eine noch zu große Ehre für diesen Erguss darstellen würde).

In die selbe Kategorie fällt auch Silbermond, die seit Jahren versuchen, ein und denselben pseudogefühlvollen Song neu zu schreiben und es erstaunlicherweise schaffen, ihn auch noch zu verkaufen, ungeachtet der Tatsache, dass die Songwriterfähigkeiten dieser leicht emohaften Frontfrau irgendwo zwischen Gymnasiastenlyrik und den ersten Reimversuchen eines Sechstklässlers anzusiedeln sind. Ernsthaft, ich habe das Gefühl, dort werden Reime gesucht, die dann anschließend mit Textfragmenten umgeben werden. Platz 16 für "Krieger Des Lichts" (wohl zuviel WoW gespielt, was?).

Platz 14 und 15 ist leicht zu verwechseln. Nicht nur, dass die Singlecover von Beyonce Knowles und Leona Lewis praktisch gleich sind (schwarzweiße Fotografie vor weißem Hintergrund, attraktive Frau in Kleid), nein, auch die Songs sind austauschbar. Lewis, von der ich seit Beginn ihrer Karriere noch keinen einzigen auch nur ansatzweise positiven oder wenigstens nicht-balladesken seichen RnB-Song gehört habe, hat interessanterweise den Song, mit dem Beyonce nun einen Platz vor ihr thront, nicht aufnehmen können oder wollen, obwohl er für sie geschrieben wurde - und so klingt er auch. Süßliches Klaviergeklimper, jaulende Stimme, Herzschmerz und Verwundbarkeit, alles in einem Ausmaß, das höchstens Vierzehnjährige mit akutem Liebeskummer berühren könnte. 

Platz 12 ist symptomatisch. Und zwar für so einiges, hauptsächlich aber die weitgehende Primitivisierung der Musik, deren akuter Auswachs aktuell die Beliebtheit von House ist. Ja, im Club kann ich mir simple Tanzmusik anhören, die größtenteils aus einem Beat und zwei Melodieteilen besteht, die wiederum jeweils aus höchstens vier Tönen bestehen. Aber muss ich mir das zum "Musikgenuss" (das Wort ist offensichtlich eine Erfindung der MP3-Playerhersteller) anhören, geschweige denn kaufen? Nein, muss ich nicht.

Auf Platz 11 letztlich ein Song, der mir sogar gefällt. Auch wenn ich Alicia Keys höchstens mittelmäßig finde und ihr Stil normalerweise auch nicht meinen Musikgeschmack tangiert, ist sie sozusagen als Live-Sample für einen Jay-Z-Song durchaus zu gebrauchen. Gut produziert, ordentlich gerappt: "Empire State Of Mind".

An dieser Stelle traue ich mich kaum, auf die Top 10 zu klicken. Wer weiß, welche unausprechlichen Abscheulichkeiten dort lauern, um meine Seele zu fressen und mich zu einem sabbernden Bohlenanhänger machen wollen? Die mich verführen, RTL II zu schauen, "Das Super Talent (sic)" als meine Lieblingsshow zu bezeichnen, meine Bücher auf den Sondermüll zu schmeißen, mir CDs von Mark Medlock anzuhören, meinen täglichen Flüßigkeitsbedarf mit Cola Light respektive Oettinger Export zu decken? Ich nehme das Risiko dennoch auf mich...

Soweit ich weiß, ist Aura Dione eine auf den Zug der rotzig-frechen Pseudosongwriterinnen a (ich kriege einfach nicht heraus, wie ich den accent grave mache) la Lily Allen aufgesprungen; das schätze ich zumindest aus den geschätzten 30 Sekunden, die ich mal von "I Will Love You Monday" gehört habe. Aber was weiß ich, ich erlaube mir noch kein Urteil. Ist aber bestimmt Dreck.

Auf Platz 9 findet sich meine persönliche Nemesis. Die ist weder Sauron noch Voldemort, bedient sich aber eines ähnlich exotischen Namens: Xavier Naidoo. Ich habe "Alles Kann Besser Werden" noch nicht gehört, bin mir aber sicher, dass es fürchterlich depressiv, anklagend, jammernd und pessimistisch ist, trotz des Titels, wahrscheinlich wiederum unterlegt mich Kaufhauskeyboardsamples und -strings. 

Auf Platz 7 findet sich "One Republic". Es wäre schon eine bösartige Unterstellung, zu behaupten, dass sich "Apologize" für "Keinohrhasen" genauso anhört wie "Secrets" für "Zweiohrküken" - aber ich wage es trotzdem, denn das tut es nämlich. Gefälschte Melancholie, Timbalandeske Beats, jaulendes Gejammer, das kann einem schon mal bekannt vorkommen.

Jaja, Robbie Williams ist wieder da. War mal ganz gut, jetzt egal. Macht Werbung für Pro7. Platz 5, "Bodies". 

Rihannas "Russian Roulette" kenne ich noch nicht, muss ich aber auch nicht. Ihre Videos sind nach allgemeinem Konsens nur erträglich wenn tonlos, machen Softpornos ernsthafe Konkurrenz - was wohl stört, ist die unerträgliche Stimme.

Wie es Culcha Candela geschafft haben, auf Platz 3 zu landen, ist meines Erachtens schnell erklärt. Mit ihrem einzigen Hit "Hamma" im Hinterkopf" bastelt man eben schnell einen Song mit ähnlichem Rhythmus und gleichem Text, versieht den Titel remineszent wieder mit einem "A" am Ende und zack, siehe da, die hirnlosen Teenagerzombiemassen strömen in den Media-Markt und bezahlen 5 Euro für zwei Songs. Glückwunsch zu so viel Marktverstand.

Die zunehmend poppiger werdenden Black Eyes Peas rangieren auf 2. Ich bin mir des weiteren nicht ganz sicher, ob die beiden, die nicht Will.I.Am und Fergie sind, noch musikalisch mitwirken, oder nur der Vollständigkeit halber in den Videos als Nebenrolle einnehmen. "Meet Me Halfway", Prädikat: Vollkommen egal.

Ohoho, Platz 1. Ja. Der Auswuchs des deutschen Musikgeschmacks. Die Ehrung für echte, große Künstler, für bewegende Songs, tiefe Texte, instrumentelles Können.

Und jetzt, nach diesem einabsätzigen Ausflug ins Paralleluniversum, wo alles besser ist: Platz 1. Die Ehrung für die beste PR-Strategie, die beste Kunst, möglichst viele Leute gleichzeitig anzusprechen, nicht aufzufallen, nicht aufzuwiegeln, nicht zum Nachdenken zu bringen, bloß beim Schema F, also Tonika-Subdominante-Dominante-Mollparallele bleiben, keine exotischen Instrumente, keine unbequemen Lyrics. Möglichst gleichbleibender, redundanter, ewigwiederholender Sound, um Konstanz zu erlangen, denn was einmal klappt, tut es auch wieder.

Die Meister dieser Kunst: Ich+Ich. Als ich das erste mal "Pflaster" gehört habe, habe ich, ich versichere es hoch und heilig gedacht, dass es "Vom Selben Stern" mit einem anderen Refrain ist. Erst bei der zweiten zufälligen Konfrontation, sind mir kleine und bestimmt nicht feine Unterschiede aufgefallen. Aber mal im Ernst, das einzige Wort, das mir dazu noch einfällt, ist "dreist". 

1 Kommentar 7.12.09 16:32, kommentieren

Und der Horizont bis zum Tellerrand

Wenn mir ein Wort in den letzten Jahren jedes einzelne Mal sauer aufgestoßen ist, ist es sicherlich "Islamisierung". Das Schreckensbild des Jihad-kreischenden, frauenmissachtenden, hasserfüllten, bärtigen, turbantragenden Moslems scheint fest in den Köpfen einiger intoleranter und, man kann es kaum anders sagen, schlichtweg dummer Menschen festzusitzen.

Die Tatsache, dass in Europa viele Muslime leben, macht diesen Leuten Angst - vordergründig zumindest; denn was hier zum Vorschein kommt, ist nichts als stumpfe Xenophobie. Mit Argumenten wie die Antipathie gegen einen "politischen" Islam oder einen Islam, der weniger Religion als Kultur ist, versuchen sich hoffnungslos gestrige selbsternannte "Kritiker" gesellschaftsfähig zu machen. Man beruft sich aber auf die "christliche Tradition" des "Abendlandes", unwissend oder ignorierend, dass das Christentum auch einen langen Weg ins Abendland zurücklegen musste, als es sich in den letzten 2000 Jahren über den ganzen Globus verbreitet hat - und dabei sicherlich Mittel in Anspruch nahm, über die man heute kaum zu sprechen wagt. 

Dass Muslime aber irgendwo wohnen und damit ja ganz offensichtlich die alteingesessene Kultur zerstören (durch ihre bloße Anwesenheit, anscheinend), ist nun ein Tatbestand, den man als aufrechter Deutscher bzw. Engländer bzw. jüngst auch Schweizer ja nun wirklich nicht akzeptieren kann.

Man kann nicht leugnen, dass in weiten Teilen Europas das Christentum die vorherrschende Religion ist und so logischerweise auch das Antlitz der Städte geprägt hat, z.B. mit Kirchen und zugehörigen Türmen - jedoch kann man davon halten, was man will, d.h., nur weil man an diesen Umstand gewöhnt ist, heißt das noch lange nicht, dass dieser Umstand auch gutzuheißen ist.

Ebenso wenig kann man aber leugnen, dass in hier, in der Schweiz, in England, in Frankreich, you name it, Religionsfreiheit herrscht. Wenn nun also neue Kirchen gebaut werden dürfen bzw. alte weiterbestehen dürfen, gibt es keinen logischen Grund, der dafürspricht, Minarette an Moscheen zu verbieten. Sicherlich dürften die Erbauer dafür keine Sonderrechte erhalten, aber das fordert ja auch niemand - d.h., wo aus z.B. Denkmalschutzgründen keine Kirche gebaut werden darf, darf auch keine Moschee gebaut werden.

Es ist aber eine symptomatische Haltung, mit einer Volksabstimmung zu versuchen, den Bau von Minaretten generell gesetzlich zu verbieten; symptomatisch nämlich für eine grundlegende Intoleranz in einer Gesellschaft, einer Gesellschaft, die sich nicht die Mühe macht, objektiv und offen über ein Problem nachzudenken, sondern stumpf und mit Scheuklappen ausgestattet den Lauf der Welt leugnet und aggressiv versucht, sich ihre angebliche Unabhängigkeit (oder welche Gründe auch immer genannt sein mögen), zu erhalten - und das, obwohl selbst die christlichen Kirchen gegen genannten Gesetzesvorschlag Stellung bezogen haben.

Dass diese Abstimmung gegen Menschenrechtskonventionen verstößt, ist wahrscheinlich; und dagegen kann sich nicht einmal die ach so neutrale Schweiz wehren. Was mich nur beunruhigt, ist die Vermutung, dass ein großer Teil auch der deutschen Gesellschaft eine solche Initiative unterstützen würde.

4 Kommentare 30.11.09 09:43, kommentieren

Was erlauben Barth?

So, so. Mario Barth also. Mario Barth erdreistet sich, irgendetwas über irgendjemanden zu sagen. Das ist bei ihm schon gefährlich weit aus dem Fenster gelehnt, wenn er auch zugegebenermaßen mit seinen primitiven "weeßte, weeßte, min Freundin, die hat ja wieder..."-Witzen den Zeitgeist des Bildungsbürgertums erstaunlich exakt zu treffen scheint. Dieser Mario Barth jedenfalls behauptet, Harald Schmidt sei "die größte Pfeife unter der Sonne", der, obgleich früher talentiert, nun nur noch ein biestiger, zorniger, alter Mann sei, der höchstens noch auf GEZ-Gebühren aus sei (die ihm ja persönlich gutgeschrieben werden, wie ja viele der sog. Komiker, die bei RTL auftreten, zu glauben scheinen).

Ich glaube nicht, dass man dazu viel sagen muss. Schmidt, der seit zig Jahren erfolgreich im Geschäft ist und es bestimmt nicht umsonst in einen öffentlich-rechtlichen Sender geschafft hat, muss sich meines Erachtens nach von einem Emporkömmling, der vor allem von RTL-II-Fanclub-Angehörigen und Privatinvestoren in die Firma Oettinger verehrt wird und es nötig hat, seinen "Stil" für einen Elektromarkt zu prostituieren, so etwas nicht anhören. Die einzig angemessene Reaktion wäre demnach - keine Reaktion.

1 Kommentar 30.11.09 09:21, kommentieren

In eigener Sache

Meine Band New Medication ist live zu sehen an folgenden Tagen:

Fr., 27.11., ca. 22.00 im Backstage in Neuwied, Engerserstraße

und

Fr., 4.12., ca. 20.00 im Trix in Neuwied, Pfarrstraße, als Vorband der Real Big Peanuts.

Wir freuen uns über jeden Zuschauer. Bringt Leute mit.

Come one, come all!


 

1 Kommentar 22.11.09 15:45, kommentieren

Bildungsstreik, die zweite

Aus erster Hand bekommen zurzeit viele Studenten den "Bildungstreik" mit. An zahlreichen deutschen Unis gehen Leute auf die Straße, um gegen die Mängel im Studiensystem zu protestieren und besetzen Hörsäle, um diesen ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Soweit die Theorie.

Tatsächlich wird die Grundlage des "Streiks" genutzt, um Ideologiepropaganda zu betreiben. Die Demonstrationen richten sich offensichtlich nicht nur gegen beispielsweise das Bachelor-/Mastersystem, sondern in einem angenehm generalisierten Rundumschlag direkt gegen den Staat als solchen, den Kapitalismus, die Wirtschaft als gesichtsloses Schlagwort, das bedrohlich über den Unis schwebt und uns alle zu Leistung zwingen will.

In Mainz wurden auf dem ganzen Campus Graffitis mit stumpfen Linksaußenparolen auf Wände geschmiert, die den Sinn der aktuellen Debatte letztlich pervertieren - mehr Geld für Bildung? Erstmal mehr Steuergeld, um die Schmierereien zu entfernen. 

Auch wenn meiner persönlichen Erfahrung nach viele Studenten mit der eigentlichen Idee der Proteste sympathisieren,  befürworten doch nur wenige die Mittel. So auch die Hörsaalbesetzungen - logischerweise haben dadurch am meisten die zu leiden, die so nicht zu ihren Vorlesungen gehen können, am Ende des Semesters aber die Klausur bestehen müssen. Haha, denkt sich der Bildungsstreikende da, das wollen wir ja gerade nicht, ständige Klausuren, Prüfungsdruck und Leistungsstress. In der Realität ist es aber im eigentlichen Sinne des Wortes asozial, anderen Studenten derart das Leben (und Lernen) schwer zu machen.

Es macht außerdem nicht gerade den besten Eindruck von Seriosität, wenn nach zwei Tagen "Besetzung" der betreffende Saal aussieht, als ob nicht über Marx und Engels diskutiert, sondern eine wilde Hausparty gefeiert wurde, inklusive leerer Bierflaschen und Chipstüten.

Man wolle den Leistungsdruck nicht, und die Prüfungen, und die Anwesenheitspflicht ist ja sowieso der Ausdruck faschistischer Neigungen der Verantwortlichen. Man könne das "Studierendenleben" nicht mehr genießen. Obwohl man diesen Punkten im Ansatz zustimmen kann (auch mir wird dieses Semester prüfüngstechnisch eine Menge aufgebürdet), habe ich den Eindruck, als sei diese Haltung in der Form, wie sie gerade zum Ausdruck gebracht wird, essentiell nur eins - Faulheit.

Ich für meinen Teil möchte nicht acht Jahre lang an der Uni bleiben, obwohl ich die Zeit auch genieße. Ich will Leistungsdruck, weil ich anders das Lernen schleifen lasse. Ich will Prüfungen, damit ich vorankomme und nicht alles auf kommende Semester schiebe. Natürlich will ich das alles nur in Grenzen, aber nichtsdestotrotz soll mir das Studium generell Kompetenzen für den Arbeitsmarkt vermitteln, ich möchte gut ausgebildet werden - und mit acht Semesterwochenstunden kann ich mir eine Ausbildung nicht vorstellen.

Schuld an allem ist natürlich der Kapitalismus, der uns zwingt, für Lohn auch Leistung zu erbringen, der es uns möglich macht, aufzusteigen und Verantwortung zu übernehmen - aber ach, das ist ja doch so anstrengend. Jetzt wollen die sogar schon, dass wir in der Uni gute Noten schreiben. Nein, da schau ich mir lieber von der AStA mit Geldmitteln geförderte Vorträge zur grundsätzlichen Bosheit des Kapitalismus' an.

Sicherlich ist das auch von meiner Seite aus pauschalisierend. Der schale Nachgeschmack bleibt trotzdem, zumindest in meinem Mund.

 

 

1 Kommentar 22.11.09 15:25, kommentieren

Can you say 'double standards'?

Ohoho, Ulrich Wickert. Das ist noch einer von der alten Schule. Korrekte Ausdrucksweise, gerade gebundene Krawatte, blitzblanke Schuhe. Und besonders die korrekte Ausdrucksweise.

Dieser Ulrich Wickert beschwert sich nun. Über lächerliche Neologismen, abgedroschene Syntax, doppeldeutigen Ausdruck. Über die Sensationsgier, den Voyeurismus, die Kaltherzigkeit, die Oberflächlichkeit in den Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. 

Das hat durchaus Hand und Fuß, meine Professoren sagen das selbe (und autoritätsgestützte Argumente ziehen normalerweise). 

Wer veröffentlicht diese leidenschaftliche Rede wider den journalistischen Unsinn? Bild Online.

1 Kommentar 19.11.09 14:35, kommentieren

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