la pièce de résistance

Expedition ohne Rückkehr

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich der Einzige bin, der sich manchmal wünscht, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre früher geboren worden zu sein. Nicht nur, dass "damals" natürlich alles besser war (Spritpreise, Politik, Spritpreise, Familienverhältnisse, Ausländer, Spritpreise, Ausländer, und damals gabs noch nicht so viele Gastarbeiter und so weiter), nein, das Hauptkriterium wäre für mich die Musik.

Wenn man einen Streifzug durch die deutschen Singlecharts macht, stößt man auf wahrhaft schauerliche Begebenheiten. Im Selbstexperiment habe ich mich in die Untiefen des heutigen Plastikpop mit Sexüberzug begeben, um dem geneigten Leser ein kleines Resumee bieten zu können.

Auf Platz 30 findet man (immer noch) "Pokerface" von Lady Gaga. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die ein bißchen Gestotter (''P-p-p-pokerface, p-p-pokerface''), unterlegt mit madonnaesk-austauschbaren Discobeats toll finden, aber das wochen- und monatelang? Schwer vorzustellen.

Platz 27 halten Bon Jovi mit der von mir bereits zerissenen unaustehlichen Durchhaltehymne "We Weren't Born To Follow", deren Titel nur allzu dreist von den Byrds gestohlen wurde und deren Video Obama mit Al Gore, John Kennedy, Aufständen im Iran und dem Fall der Mauer bunt zusammenmischt.

Frauenarzt und Manny Mann behaupten wenigstens nicht, irgendeinen Anspruch zu haben; und obwohl ich persönlich nicht behaupten kann, dass mich "Das Geht Ab" in Partylaune versetzt, stört mich Platz 26 nicht.

Jürgen Drews lebt noch? Offensichtlich, denn anscheinend hält er Platz 24 mit irgendeinem Lied, das höchstwahrscheinlich einen 90er-Jahre-Beat bietet und mit einem stupiden Refrain zum Mitgröhlen auf Malle einlädt.

Peinlich finde ich persönlich, dass mir der Name "Queensberry" etwas sagt. Ich bin mir doch relativ sicher, dass das eine "Band", die bei irgendeinem privaten Sender zusammengecastet wurde, ist. Sie soll hier symptomatisch für all den ähnlichen belanglosen Dreck stehen, der mir in den Charts wahrscheinlich noch begegnen wird. Platz 22, übrigens.

Selten habe ich einen polierteren, leereren, so übertrieben offensichtlich für SWR3 geschriebenen Song gehört wie Marit Larsens inhaltsloses "If A Song Could Get Me You". Es ist mir absolut unverständlich, wer für solche Muzak auch noch Geld ausgibt (wobei selbst illegales Downloaden eine noch zu große Ehre für diesen Erguss darstellen würde).

In die selbe Kategorie fallen auch Silbermond, die seit Jahren versuchen, ein und denselben pseudogefühlvollen Song neu zu schreiben und es erstaunlicherweise schaffen, ihn auch noch zu verkaufen, ungeachtet der Tatsache, dass die Songwriterfähigkeiten dieser leicht emohaften Frontfrau irgendwo zwischen Gymnasiastenlyrik und den ersten Reimversuchen eines Sechstklässlers anzusiedeln sind. Ernsthaft, ich habe das Gefühl, dort werden Reime gesucht, die dann anschließend mit Textfragmenten umgeben werden. Platz 16 für "Krieger Des Lichts" (wohl zuviel WoW gespielt, was?).

Platz 14 und 15 ist leicht zu verwechseln. Nicht nur, dass die Singlecover von Beyonce Knowles und Leona Lewis praktisch gleich sind (schwarzweiße Fotografie vor weißem Hintergrund, attraktive Frau in Kleid), nein, auch die Songs sind austauschbar. Lewis, von der ich seit Beginn ihrer Karriere noch keinen einzigen auch nur ansatzweise positiven oder wenigstens nicht-balladesken seichten RnB-Song gehört habe, hat interessanterweise den Song, mit dem Beyonce nun einen Platz vor ihr thront, nicht aufnehmen können oder wollen, obwohl er für sie geschrieben wurde - und so klingt er auch. Süßliches Klaviergeklimper, jaulende Stimme, Herzschmerz und Verwundbarkeit, alles in einem Ausmaß, das höchstens Vierzehnjährige mit akutem Liebeskummer berühren könnte. 

Platz 12 ist symptomatisch. Und zwar für so einiges, hauptsächlich aber die weitgehende Primitivisierung der Musik, deren akuter Auswachs aktuell die Beliebtheit von House ist. Ja, im Club kann ich mir simple Tanzmusik anhören, die größtenteils aus einem Beat und zwei Melodieteilen besteht, die wiederum jeweils aus höchstens vier Tönen bestehen. Aber muss ich mir das zum "Musikgenuss" (das Wort ist offensichtlich eine Erfindung der MP3-Playerhersteller) anhören, geschweige denn kaufen? Nein, muss ich nicht.

Auf Platz 11 letztlich ein Song, der mir sogar gefällt. Auch wenn ich Alicia Keys höchstens mittelmäßig finde und ihr Stil normalerweise auch nicht meinen Musikgeschmack tangiert, ist sie sozusagen als Live-Sample für einen Jay-Z-Song durchaus zu gebrauchen. Gut produziert, ordentlich gerappt: "Empire State Of Mind".

An dieser Stelle traue ich mich kaum, auf die Top 10 zu klicken. Wer weiß, welche unausprechlichen Abscheulichkeiten dort lauern, um meine Seele zu fressen und mich zu einem sabbernden Bohlenanhänger machen wollen? Die mich verführen, RTL II zu schauen, "Das Super Talent (sic)" als meine Lieblingsshow zu bezeichnen, meine Bücher auf den Sondermüll zu schmeißen, mir CDs von Mark Medlock anzuhören, meinen täglichen Flüßigkeitsbedarf mit Cola Light respektive Oettinger Export zu decken? Ich nehme das Risiko dennoch auf mich...

Soweit ich weiß, ist Aura Dione eine auf den Zug der rotzig-frechen Pseudosongwriterinnen a (ich kriege einfach nicht heraus, wie ich den accent grave mache) la Lily Allen aufgesprungen; das schätze ich zumindest aus den geschätzten 30 Sekunden, die ich mal von "I Will Love You Monday" gehört habe. Aber was weiß ich, ich erlaube mir noch kein Urteil. Ist aber bestimmt Dreck.

Auf Platz 9 findet sich meine persönliche Nemesis. Die ist weder Sauron noch Voldemort, bedient sich aber eines ähnlich exotischen Namens: Xavier Naidoo. Ich habe "Alles Kann Besser Werden" noch nicht gehört, bin mir aber sicher, dass es fürchterlich depressiv, anklagend, jammernd und pessimistisch ist, trotz des Titels, wahrscheinlich wiederum unterlegt mich Kaufhauskeyboardsamples und -strings. 

Auf Platz 7 findet sich "One Republic". Es wäre schon eine bösartige Unterstellung, zu behaupten, dass sich "Apologize" für "Keinohrhasen" genauso anhört wie "Secrets" für "Zweiohrküken" - aber ich wage es trotzdem, denn das tut es nämlich. Gefälschte Melancholie, timbalandeske Beats, jaulendes Gejammer, das kann einem schon mal bekannt vorkommen.

Jaja, Robbie Williams ist wieder da. War mal ganz gut, jetzt egal. Macht Werbung für Pro7. Platz 5, "Bodies". 

Rihannas "Russian Roulette" kenne ich noch nicht, muss ich aber auch nicht. Ihre Videos sind nach allgemeinem Konsens nur erträglich wenn tonlos, machen Softpornos ernsthafe Konkurrenz - was wohl stört, ist die unerträgliche Stimme.

Wie es Culcha Candela geschafft haben, auf Platz 3 zu landen, ist meines Erachtens schnell erklärt. Mit ihrem einzigen Hit "Hamma" im Hinterkopf bastelt man eben schnell einen Song mit ähnlichem Rhythmus und gleichem Text, versieht den Titel remineszent wieder mit einem "A" am Ende und zack, siehe da, die hirnlosen Teenagerzombiemassen strömen in den Media-Markt und bezahlen 5 Euro für zwei Songs. Glückwunsch zu so viel Marktverstand.

Die zunehmend poppiger werdenden Black Eyed Peas rangieren auf 2. Ich bin mir des weiteren nicht ganz sicher, ob die beiden, die nicht Will.I.Am und Fergie sind, noch musikalisch mitwirken, oder nur der Vollständigkeit halber in den Videos eine Nebenrolle einnehmen. "Meet Me Halfway", Prädikat: Vollkommen egal.

Ohoho, Platz 1. Ja. Der Auswuchs des deutschen Musikgeschmacks. Die Ehrung für echte, große Künstler, für bewegende Songs, tiefe Texte, instrumentelles Können.

Und jetzt, nach diesem einabsätzigen Ausflug ins Paralleluniversum, wo alles besser ist: Platz 1. Die Ehrung für die beste PR-Strategie, die beste Kunst, möglichst viele Leute gleichzeitig anzusprechen, nicht aufzufallen, nicht aufzuwiegeln, nicht zum Nachdenken zu bringen, bloß beim Schema F, also Tonika-Subdominante-Dominante-Mollparallele bleiben, keine exotischen Instrumente, keine unbequemen Lyrics. Möglichst gleichbleibender, redundanter, ewigwiederholender Sound, um Konstanz zu erlangen, denn was einmal klappt, tut es auch wieder.

Die Meister dieser Kunst: Ich+Ich. Als ich das erste mal "Pflaster" gehört habe, habe ich, ich versichere es hoch und heilig, gedacht, dass es "Vom Selben Stern" mit einem anderen Refrain ist. Erst bei der zweiten zufälligen Konfrontation sind mir kleine und bestimmt nicht feine Unterschiede aufgefallen. Aber mal im Ernst, das einzige Wort, das mir dazu noch einfällt, ist "dreist". 

7.12.09 16:32

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


fb (8.12.09 14:23)
Die Gegenüberstellung, ein paar Beispiele von 1970:
1. Simon & Garfunkel El Condor Pasa
6. Led Zeppelin Whole Lotta Love
8. The Beatles Let It Be
10.The Kinks Lola
11.CCR Down On The Corner
12.Frijid Pink House Of The Rising Sun
14.CCR Lookin' Out My Back Door
15.CCR Up Around The Bend
16.Deep Purple Black Night
20.Black Sabbath Paranoid
22.Norman Greenbaum Spirit In The Sky
23.The Beatles Come Together
25.Simon & Garfunkel Bridge Over Troubled Water


fb (8.12.09 14:26)
Ich glaube nicht, dass in 39 Jahren noch IRGENDWER ICh+Ich, Xavier Naidoo, Lady Gaga oder Silbermond kennt, außer vll durch Drogen oder Sexskandale...

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